• Beitrag veröffentlicht:30. April 2021
  • Beitrags-Kommentare:8 Kommentare

Er spielte. Er spielte der Straße die Lieder, die sie brauchte. Ob Sommer oder Winter, er zog erst mit einem Leierkasten, später dann mit seinem Lieblingsinstrument, der Zither, durch die Stadt. Die Menschen nannten ihn Zither-Reinhold. Dabei nahm er es mit den Jahreszeiten nicht so genau. Im heißen August ertönte auf dem Marktplatz „Stille Nacht“ und im Winter erklang „Im Prater blühn wieder die Bäume“. Reinhold Lohse, geboren 1878 in Halle, hat Elsa Weise und Tom Wolter inspiriert für das Recherche-Stipendium ZITHER REINHOLD im Rahmen von #Take Care Fonds Darstellende Künste. Der Umgang Deutschlands mit „seinen“ Menschen, die auf der Straße leben, arbeiten und oft auch übernachten. Wir fragen nach.

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Elsa Weise
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Elsa Weise
26. Mai 2021 11:43

Mit dem Spenden oder der Bereitschaft zum Spenden verbinden wir heutzutage Anlässe wie Weihnachten. Man bekommt etwas und gibt etwas. Da gibt man/frau/fam gern. Weihnachten im Schuhkarton. Ein Dauerbrenner. Zu Hochzeiten und feierlichen Anlässen schenkt man mehr und mehr dem guten Zweck. Der fliegt zumindest nicht als unbrauchbarer Gegenstand in den eigenen vier Wänden herum. Aus dem Amerikanischen ist uns das Charity-Wesen bekannt. Tue Gutes und rede darüber. Crowd Funding Projekte, Fund Raising und private Spendenkampagnen wie betterplace.org haben die Hilfsbedürftigkeit unter dem Siegel der gesellschaftlich anerkannten und absoluten Nützlichkeit salonfähig gemacht.

Im Debütroman von Markus Ostermair „Der Sandler“ * (ein mittelmäßiger, kurzweiliger Roman mit tollem Beginn, aber wenig Handlung) las ich über die Zedaka. Ein altes Konzept der jüdischen Kultur. Was ich dazu fand, ist eine grandiose soziologische Umkehrung in meinem Kopf. Ich finde es fantastisch. Lest und seht selbst:

Zedaka (hebräisch, zu deutsch ‚Wohltätigkeit‘) ist ein jüdisches Gebot. Zedaka spielt in der jüdischen Tradition eine wichtige Rolle. Jüdische Männer und Frauen sind ihr gleichermaßen verpflichtet.

Es gibt acht Stufen der Zedaka:

  1. Höchste Stufe: Dem Bedürftigen die Möglichkeit zu geben, sich selbständig zu ernähren (Hilfe zur Selbsthilfe).
  2. Wohltätig sein in einer Weise, dass der Spender und der Bedürftige nicht voneinander wissen.
  3. Der Wohltäter weiß, wem er gibt, aber der Arme erfährt nicht von der Identität des Spenders.
  4. Der Gebende kennt nicht die Identität des Bedürftigen, aber dieser kennt den Spender.
  5. Geben, bevor man gebeten wird.
  6. Geben, nachdem man gebeten wird.
  7. Zwar nicht ausreichend, aber mit Freundlichkeit geben.
  8. Mit Unfreundlichkeit geben.

Das Konzept Zedaka bedeutet, dass Juden verpflichtet sind, von dem zu geben, was Gott ihnen anvertraut hat, um es zu teilen und die Welt zu heilen. So ist es auch dem ärmsten jüdischen erwachsenen Almosenempfänger noch auferlegt, von dem, was er bekommen hat und besitzt, ein weniges abzugeben. Lediglich Nothilfen und Hilfen für die Abwehr von Tod und Krankheit sind hiervon ausgenommen. Gemäß dem Grundsatz „Maß für Maß“, welcher vom in christlicher Tradition oft missverstandenem Torawort „Auge für Auge“, abgeleitet wird, sind Juden verpflichtet, dem Nebenmenschen zu geben, dem sie nichts schuldig sind, wie sie von Gott anvertraut bekommen, obwohl Gott ihnen nichts schuldet. Das Konzept Zedaka gründet so in der Verantwortung jedes Juden, die aus Israels mit Gott geknüpften Bund (deutsch etwa „Vertrag“) resultiert. Zedaka ist insofern keine Tugend, sondern Pflicht, keine persönliche Auszeichnung, sondern nur recht und billig, nicht Generosität, sondern Tikkun Olam. Zedaka geht in seiner Bedeutung ersichtlich über die Bedeutung des deutschen Wortes Wohltätigkeit, die sporadisch und unverpflichtend geschieht, ja geradezu als generöse, auszeichnende Tugend gilt, welche einen Menschen auszeichnet, hinaus. Zedaka ist Teil des Judentums. Judentum ist kein Glaube, der das herausstehende Merkmal des Christentums ist, sondern eher eine Praxis bzw. soziales Handeln, die dem göttlichen Gebot, Zedaka zu tun, unterliegt.

*Der Sandler, Markus Ostermair
https://taz.de/Der-Sandler-von-Markus-Ostermair/!5730258/

Last edited 1 Monat zuvor by Elsa Weise
Elsa Weise
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Elsa Weise
15. Mai 2021 13:03

Straßenzeitungen in Deutschland 
Der Verkauf und die Produktion von Straßenzeitungen ist für viele Obdachlose eine wichtige Einnahmequelle. Hier sind viele von ihnen online zu finden:
BERLIN:
http://www.motz-berlin.de
Karuna- Kompass
https://www.streem-magazine.de/
https://www.strassenfeger.org
BRAUNSCHWEIG
http://www.querweg-ev.de/
Düsseldorf
http://www.fiftyfifty-galerie.de/
HAMBURG
https://www.hinzundkunzt.de/
HANNOVER
https://www.asphalt-magazin.de/
KIEL
https://www.hempels-sh.de/
KÖLN
http://www.oase-koeln.de/
LEIPZIG
http://suchtzentrum.de/kippe
München
http://biss-magazin.de/
Osnabrück
http://www.abseits-online.de/
Stuttgart
http://www.trott-war.de/

pexels-dan-parlante-5719213.jpg
Elsa Weise
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Elsa Weise
15. Mai 2021 12:54

Zum Zitat von Nadja Pantel: Ich zeig’s euch, in: Süddeutsche Zeitung, 6. Februar 2019 .

„Der Obdachlose ist zum Rorschachtest der Gesellschaft geworden. Hier, dieser Tintenfleck, sehen Sie einen Schmetterling, Ihre Mutter oder eine explodierende Ananas? Hier, dieser Mann auf der Parkbank, sehen sie einen faulen Säufer, ein Opfer des Kapitalismus oder einen, dem von Migranten der Platz in der Notunterkunft weggenommen wurde?“

Wenn ich dich sehe. Ja ja, ich weiß schon. Kenne ich doch. Das Bild. Es heißt Gleichgültigkeit, Mitleid, Schuld. Schuld? Selber Schuld! Wird schon wieder. Oder wird eh nix. Nie wieder. Muss man keine Energie investieren. Das hat das System draus gemacht, siehste, so würde ich auch sinken. So würde ich auch aussehen. Wenn ich… Würde ich? Schicksalsschlag. Schwer zu verstehen. Und dann. Schnell. Seufzend vorüber gehen. Nicht so hinstarren. Er schaut mich an. Meint er mich? Bloß nicht auf mich beziehen. Ich bin doch. An-d-ers? Kann er mich meinen? Sieht er mich? Oder sehe ich ihn nur? Bin ich er? Niemals! Vielleicht Sucht. Ja, die mischt meistens mit. Die elendige. Da ist man Opfer. Diener. Da kann man nichts machen. Nichts. Nie wieder. Selbst entscheiden. Ob da Kinder sind? Was die wohl denken? Wenn ich jetzt Geld gebe, dann finanziere ich… ja, was eigentlich? Dass alles so bleibt, wie es ist? Der gehört doch zum Stadtbild. Der muss hier sitzen. Der darf hier nicht weg. Alle Leute kennen ihn. An den hat man sich gewöhnt. Es würde nur auffallen, wenn der nicht mehr da wäre. Vielleicht wäre ich dann ein bisschen betrübt.. vielleicht würde ich dann denken, ach hättest du doch mal was getan. Vielleicht würde ich einem anderen helfen. Und nicht so lange zögern. Wenn er sterben würde. Vielleicht würde ich einen Brief an die Stadt schreiben, dass man ihm ein Ehrengrab einrichten solle. Ich würde vielleicht weinen. Ein bisschen. Alleine mir das vorzustellen, macht mich traurig. Aber mir sind die Hände gebunden. Wer macht denn sowas? Die Hände sind mir gebunden von der Ungerechtigkeit. Der ganz normalen Ungerechtigkeit. An die ich mich schon lange gewöhnt habe. Ich würde nicht gern er sein. Aber soll ich ihm jetzt was geben? Er schaut wieder. Oder immer noch. Was ist denn die beste Hilfe? Essen? Reden? Aber dann will er die ganze Zeit mit mir reden. Und läuft mir vielleicht noch hinterher. Na und? Und was! Das nervt doch! Aber woher will ich das wissen. Das nervt! Ich nerve. mich! So, jetzt hab ich aber schlechte Laune. Wegen ihm. Mir. Warum macht denn niemand was?

Last edited 2 Monate zuvor by Elsa Weise
Elsa Weise
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Elsa Weise
14. Mai 2021 21:08

„Das Gesetz macht alle auf erhabene Weise gleich:

Es verbietet allen Menschen

unter Brücken zu schlafen

und Brot zu stehlen –

den Armen ebenso wie den Reichen.“

Anatole France

Elsa Weise
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Elsa Weise
11. Mai 2021 23:47

https://youtu.be/jrNaga8L01I

Trailer zu D R A U S S E N

Johanna Sunder-Plassmann & Tama Tobias-Macht

Dokumentarfilm

Berlinale 2018

[…] und ständig der Verkehrslärm: Er wohnt unter einer Brücke. Im Freien. Draußen. Der Filmtitel ist neben der metaphorischen Bedeutung – außerhalb der Gesellschaft – in Johanna Sunder-Plassmanns und Tama Tobias-Machts Porträt-Dokumentarfilm vor allem wörtlich zu nehmen: Man lebt im Freien, in der Stadt, richtet sein Wohnzimmer ein, wo ein Platz frei ist. Einer streift sogar durch die Wälder, lebt in den Bäumen.

Anzusehen für 3,50 bei Vimeo.
Echte Empfehlung!

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Elsa Weise
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Elsa Weise
8. Mai 2021 14:57

Aus dem Heimatroman „Hingabe“ von Hans Morgan. Mit Illustrationen von S. von Sallwürk. Abgedruckt 1930 in den „Hallischen Nachrichten“.

Danke Steffen Wendt für diese Zusendung! Sicher ist das Archivmaterial, denn im Internet lässt sich zu angegebenen Quellen nichts finden. Das Stadtarchiv Halle hat gerade wieder pandemiebedingt geschlossen. Über eine Mitarbeiterin bekam ich einige Broschüren und Materialien ausgehändigt. Dazu in Kürze mehr.

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Elsa Weise
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Elsa Weise
8. Mai 2021 14:47

Das ist eine Werbung, die mir entgegen sprang. Mich würde interessieren, was wirklich hinter dieser Kampagne steht. Oder was mit Gesicht gemeint ist. Die Gesichter dieser Damen? Mit Verlaub, nettes Angebot. Absurde Vorstellung. Ob sich die Bild der Frau deshalb so benannt hat?

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Elsa Weise
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Elsa Weise
3. Mai 2021 14:57

Was ihr hier findet – Unser Blog ZITHER REINHOLD

Reinhold Lohse, geboren 1878 in Halle, war offiziell wohnungslos und verdiente sein Geld mit Straßenmusik. Man sagt, er sei ein „Original der Stadt“ gewesen. Was ist das, ein Original? Und wer „ernennt“ dazu? Zither Reinhold, so sagten die Menschen zu ihm, saß an den Straßen und spielte. Sommer wie Winter. Abseits zweier Weltkriege. Er spielte auf dem Leierkasten und später, dessen beraubt, auf der Zither. Dabei nahm er nahm es mit den Jahreszeiten nicht so genau. Im heißen August ertönte auf dem Marktplatz „Stille Nacht“ und im Winter erklang „Im Prater blühn wieder die Bäume“.

Seine Geschichte interessiert uns. Die des einzigartigen Musikers, seiner rohen Sympathie, seiner Resilienz. Sie gab uns den Impuls zum Recherche-Stipendium ZITHER REINHOLD im Rahmen von #Take Care Fonds Darstellende Künste. Wir widmen uns seiner Person, seinem zeitgeschichtlichen Kontext und spannen den Bogen ins Jetzt. In einem breit angelegten Themenspektrum nähern wir uns der Fragestellung, was es heute bedeutet obdachlos zu sein. Sein Geld auf der Straße zu verdienen. Angewiesen zu sein. Menschen, die auf der Straße leben, arbeiten und übernachten sind uns unbekannten, alltäglichen Kämpfen ausgesetzt.
Doch wie nähert man sich der Straße? Wir fühlen uns zugewandt. Doch sind wir unsicher. Im Wissen, dass die akademisierte Kultur bzw. deren Branchen eine romantisierend, verklärende Draufsicht bilden, die DEN Landstreicher oder DEN Bettler abzubilden meint. Doch verschiedene Gründe und Wege führen auf die Straße.

In diesem Blog sammeln wir Informationen, schreiben Beiträge. Fertiges und Unfertiges. Wir versuchen uns bloß zu stellen. Nichts zu Intendieren. Nichts zu Wollen. Gesellschaftliche Ambivalenzen hören. Im Spiegel nicht wegsehen.
Wir, Tom Wolter und Elsa Weise lesen, hören, fragen, sprechen und berichten. Und Tom übt nebenbei Zither.

Last edited 2 Monate zuvor by Elsa Weise