• Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Teil I – Tinte & Haut

Teller in der Unterlippe als indigenes Körperritual, Löcher in der Nase als Subkultur und herausgenommene Hautfetzen als Ausdruck der eigenen körperkünstlerischen Freiheit. Warum Menschen sich Wunden zufügen, um sich zu erhöhen. Über Körperkunst, Bodymodification, Heilung & Schmerzen – eine subjektive Annäherung in mehreren Teilen.

Eine Matte und eine Maschine machen schon ein Tattoo-Studio. Gokarna, Südinden.

Eine Wunde scheint anatomisch etwas zu Überwindendes zu sein, etwas, das man eigentlich vermeiden sollte. Zumindest sind für mich die ersten Gedanken an WUNDEN durch Verletzungen geprägt, sozialisert. Da kommen Bilder von offenen Knien nach Stürzen mit den Inlineskates oder schorfige Rücken nach wilden Tagen auf dem Festival. Also allesamt nicht intendiert und im Nachgang mit Schmerz, Wundwasser und Dinopflastern verbunden.

Aber eine Wunde ist ja nicht immer schlecht. Nicht, wenn man sie sich als Schmuck herbeisehnt. Wenn ich zurückdenke, kommen da viele Eindrücke. Mein erstes Ohrloch, bei Teenie-Freund*innen abends im Keller mit einer heiszen Nähnadel gestochen und anschlieszend mit Vodka desinfiziert. Also das Ohrloch und die erhitzten Teenie-Hirne. Der schwarze Nasenring in der Unizeit. Diesmal professioneller. Gestochen von der Freundin, die Ärztin ist. Mein erstes Tattoo als Erinnerung an die Zeit im Ausland. Oft bleibt es ja nicht bei einem Piercing oder einem Tattoo – ich hänge bald sprichwörtlich an der Nadel. Man könnte also sagen, es handelt sich um eine Gatewaydrug, die Einstiegsdroge für Körperkultige und Anhänger*innen einer schnell gewachsenen Subkultur. Zumindest beobachte ich das bei mir.

Ohrloch oder Reiseerinnerung, bald hängt man an der Nadel. Teeniesünden als Einstiegsdroge.

Das erste Tattoo sticht mir James, ein junger Künstler in einem riesigen Tattoo-Studio in Brisbane. Ein schwarzer Kompass an die rechte Verse. Nachdem er die erste Linie gestochen hat, beugt er sich kurz zu mir. „How does that feel?“ – Es fühlt sich erstaunlich gut an, nach mutig und radikal sein. So mutig zumindest, wie alle anderen, die sich einen Kompass stechen lassen. Nachdem der aufregende Teil fertig ist, kommt allerdings der anstrengende Part: die Tattoo-Pflege. Die Wunde, die man sich gerade bewusst stechen liesz, muss schlieszlich wieder verheilen. Ein witziges Paradoxon. Also wird der Fusz in Folie eingewickelt und sieht ein bisschen so aus, wie die Hühnerkeulen, die man im Discounter kaufen kann. Dann nach einem Tag warm abspülen und dann cremen, cremen, cremen. Was das angeht, streiten sich natürlich die Geister, welche Créme die Beste ist. Letztendlich hat jede*r seinen/ihren Favouriten. Mal mit Bienenwachs, mal nur Kokosöl, andere wiederum vertrauen auf die gute alte Bepanthen, die man schon als Kind von der Mutter bei Verletzungen bekommen hat. Zuviel Panthenol, sagen die einen. Dafür lieber Vaseline – Hauptsache die Wunde bleibt feucht, trocknet nicht etwa aus, schwimmt aber hoffentlich nicht in einer Welle von Creme davon. Spricht man darüber, kommt oft die urbane Legende von einem, der sich den Rücken vollhacken lieszen und anschlieszend auf seinem Bettlaken eingeschlafen ist, ohne sich viel um seine Wunde zu sorgen. Beim Aufstehen reiszt das klebrige Tuch – stundenlang in Wundwasser getränkt und mittlerweile angetrocknet – das ganze Tattoo von der Haut. Aus der Traum vom Wandbild an der Körperrückseite und auf dem Bett liegt eine blutig-schwarze Flagge. Das Verheilen ist also mindestens so wichtig wie das Aufstechen von den Tatto-Rissen.

Ein Extrembeispiel, aber wie wichtig das Versorgen der Wunde ist, lerne ich schnell. Mein rechter Daumen zum Beispiel trägt ein Symbol aus dem Tifinagh, das unpunktierte Z, das „Yaz“ aus dem Tamazight, einer Berber*innen-Sprache. Am oberen Ende ist die tintige Spalte schlecht zusammengewachsen, die Wunde nicht gut verheilt. Die Tinte ist an dieser halbrunden Linie unterhalb der Haut verlaufen, ein klassischer Fehler bei ungenügender Tattoo-Pflege und ein Totem für kommende Bild-Projekte auf der Haut. Und dennoch ist dieser krakelige Strich – diese schwarze, ebene Narbe in der Haut – Teil des Bildes, Teil des Daumens und letztlich Teil meines Körpers. Perfektion nicht von Bedeutung, nicht für mich.

Spontan muss ich auch an eine Szene in Gokarna, Indien, denken. Am staubigen Wegesrand in der kleinen Stadt, sammeln sie sich um einen Jungen auf einer Decke. Der tätowiert gerade einen anderen, mit einer elektrischen Nadel und Tinte. Ein schnörkeliges Symbol soll es werden, dem OM-Zeichen ähnlich. Gebannt von der Unerschrockenheit der anderen, nehme ich im kleinsten Tattoo-Studio der Welt Platz. Ich sehe, wie der Kunde die Schmerzen erträgt und dabei manchmal die Augen zusammenkneift. Angekommen in einem Stadium, in dem es egal ist, dass ein Fremder einem zusieht. Nur das Surren der Mschine von Bedeutung ist. Tapfer hält er die Nadel aus. Nach der Prozedur wird curryähnliches Puder über die blutigen Linien gesträut. „Zur Heilung“, heiszt es. Mit wie viel Leichtigkeit man diesen Heilungsprozess nehmen kann.

Früh übt sich beim Kunsthandwerk Tätowieren.

Frisch gestochen haben diese Hautkunstwerke immer eine massive Präsenz, alles fokussiert sich auf eine Stelle am Körper. Manchmal vergisst man aber auch, dass man Bilder auf der Haut trägt. Dann blitzen sie plötzlich wieder unter dem Hemd hervor oder luken aus der Socke und erinnern einen daran, dass etwas Unauslöschliches besitzen wollte. Oder sie beginnen vor dem Wetterwechsel zu jucken, wie in meinem Fall. Omen oder nachträgliche Allergie gegen die Tinte? Zumindest ein integrierter Wetterbericht. Blicke ich jetzt auf meinen Kompass, sieht er verwaschen aus. Süden – obgleich mehrfach nachgestochen – verschwindet langsam von der Haut. Die Zeit, sie arbeitet ununterbrochen. Auch an der Unendlichkeit auf der Haut.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Comments
Inline Feedbacks
Zeige alle Kommentare